Die Nilgans im Storchennest

Der Marschenjäger

Text von Redaktion Niedersächsischer Jäger

Ein Marschenjäger wird mit Gummistiefeln geboren. Ansonsten hätte es Gerhard Konsek nicht vierzig Jahre in seinem Revier ausgehalten, das zum großen Teil aus Wassergräben, Sumpf und zähem Schlick besteht. „Schon als Kinder hatten wir selten trockene Füße“, berichtet er, „wenn wir abends nach Hause kamen, kippte Mutter zuerst die schlammige Brühe aus den Stiefeln.“

Am Ufer der Weser zwischen Bremen und Bremerhaven liegt das Revier von Gerhard Konsek. Nicht selten schauen Besucher aus dem Binnenland ungläubig vom Deich über die knapp 900 Hektar flaches Land und wundern sich: „Was soll man denn hier jagen?“

Wer üblicherweise zuhause von behaglicher Kanzel aus an lauschigen Waldecken auf Schalenwild ansitzt, dem wird hier im Dörfchen Wersabe nicht viel geboten. Die Marschenjagd ist speziell. Sie lebt vom anspruchsvollen, nicht ganz einfachen Waidwerk auf Wildgänse, Enten, Fuchs und Hase. Und einer ihrer wesentlichen Aspekte ist es, dabei trockene Füße zu behalten. Den Sprung über die vielen Gräben fasst man häufig zu kurz. Manch einen Gummistiefel hat Gerhard Konsek auch im boshaften Schlick der Weser unrettbar verloren, und selbst seine klugen Gordon Setter meiden diese gefährlichen Flächen am Rand des Flusses, aus deren klebrigen Tiefen es auch für Hunde kein Entkommen mehr gibt.

Die Zeit der Marschenjäger beginnt, sobald die Wildgänse ziehen. Dass man in dieser platten Landschaft allerdings montags schon sehen kann, wer am Wochenende zu Besuch kommt, muss als grobe Unwahrheit bestritten werden. Man kann es frühestens am Mittwoch sehen.

Mit dem Fernglas glast Konsek die Gräben und die weite platte Marsch ab. Dann beginnt die schwierige Pirsch auf Wasserwild.

Die Jagd in der Marsch hat aus Gerhard Konsek fast einen Philosophen gemacht. „Frauen und Wildgänse sind für mich die größten Rätsel meines Lebens geblieben“, sagt er, „man weiß nie, was sie als nächstes machen.“ Zwar rasten in jedem Herbst und Winter tausende von Wildgänsen auf den Wiesen im Revier, aber nur selten jeden Tag auf den gleichen Flächen. Deshalb kann man die Jagd schlecht vorbereiten. Es fehlt zudem auf den kahlen Weiden meist an Deckung, um das aufmerksame Flugwild anzugehen und mit Schrot zu erbeuten. Deshalb hilft oft nur die weit reichende .22 Hornet-Patrone, wenn die Hausfrau einen schmackhaften Gänsebraten wünscht. Um die sechzig Gänse und vierzig Wildenten schießt Gerhard Konsek jedes Jahr. Es könnten leicht mehr sein, aber in größeren Mengen lässt sich das Flugwild nicht verwerten. „Seltener wird das Stück im Ganzen zubereitet“, erzählt er, „besser ist es, die Brust auszulösen und zu räuchern. Eine Delikatesse.“

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