Jagen im Deichvorland

Achtern Diek, ob Reinke Voss

Text von Redaktion Niedersächsischer Jäger

Am südlichen Elbufer, zwischen den Orten Wischhafen und Neuhaus an der Oste, liegt Nordkehdingen. Ein ebenso flacher wie besonderer Landstrich. Hier wird im Auftrag des Naturschutzamts Stade gejagt. Wir waren dabei, als im Februar zum Schutz der Bodenbrüter zur Jagd auf Fuchs und Raubzeug geblasen wurde.

Ein Jäger steht mit Waffe in hohem Schilf – © Thomas Bock

Wenn im Winter zur Jagd hinter den niedersächsischen Elbdeich geladen wird, gehören hohe Gummistiefel zur Grundausrüstung. Das gilt insbesondere, wenn zuvor ein Sturmtief wie „Sabine“ die deutsche Nordseeküste heimgesucht hat. Das Tiefdrucksystem mit dem verheißungsvollen Mädchennamen brachte neben Windböen bis zu 150 km/h viel Regen und hohe Wasserstände mit sich, was Menschen, Tiere und Deiche bis an die Belastungsgrenzen führte. Doch kaum war das markante fettgedruckte T auf der Wetterkarte Richtung Osten weitergezogen, trafen sich die einheimischen Jäger zur alljährlichen Fuchsjagd hinter dem Deich.

Wer sich an der Ostemündung, rund 20 Seemeilen östlich von Cuxhaven, am jagdlichen Sammelplatz mit langem Lodenmantel und breitkrempigem Filzhut blicken lässt, outet sich als Fremder oder bestenfalls als Neuling. Wegen des unablässigen Windes von oben und dem vielen Wasser von unten sind hier windabweisende Pudelmützen und hüfthohe Wathosen angesagt, und das förmliche Waidmannsheil der großen Gesellschaftsjagden im Binnenland wird durch ein knappes nördliches „Moin“ ersetzt. „Moin Moin“, so sagt man hier, „ist schon Gesabbel.“

„Wi mookt dat so as jümmers“

Wir kommen mit WL-Kennzeichen am Auto aus dem Landkreis Harburg angefahren, zudem fährt meine Frau. Ohne die Kunst des Lippenlesens zu beherrschen, ahne ich gleich, was die anwesenden „Mannslüd“ so sprechen. Während einige sich zu unserem WL für „Wilder Landwirt“ äußern, schauen die anderen sehr genau hin, wer und was da dem Auto entsteigt. Gut, dass wir die Teckel zu Hause gelassen haben, denke ich noch angesichts der vielen Drahthaare, doch schon geht, trotz nahendem Corona-Virus, das Händeschütteln los. „Moin“, sage ich artig in fließender Mundart und schon entspannt sich sichtbar die anwesende Drahthaar-Meute nebst Herrchen. „Moin“, sagt auch meine Frau und das Eis ist gebrochen. Wie immer hat das norddeutsche Gemüt sofort nach Nennung des plattdeutschen Codeworts von abwartender Distanz auf herzliche Nähe umgeschaltet.

Die lockeren Gespräche kreisen ums Wetter, die Hasen und natürlich die Füchse, bis der einladende Jagdherr Dr. Uwe Andreas, Leiter des Naturschutzamts Stade, das Wort ergreift. Nach kurzer Begrüßung und der jagdlichen Parole, dass der Tag dem Raubzeug gilt, übergibt er das Wort an seinen Berufsjäger Hans Funk. Für „Matten“, wie ihn alle hier nennen, ist das ein Heimspiel, er geht hier, wie viele der Anwesenden, seit seiner Jugend zur Jagd und betreut die Flächen seit 2013 als professioneller Fallensteller im Auftrag der Naturschutzbehörde (dazu auch NJ 9/2019). Dementsprechend knapp fällt auch seine Ansage und die Einteilung der Gruppen aus. „Wi mookt dat so as jümmers“, brummelt er und schaut fragend in die Runde. Damit scheinen alle zufrieden und im Bilde zu sein und laufen los. Um uns kümmert sich Hein, ein Jäger, der Teile der heute bejagten Flächen jahrzehntelang vom Bund gepachtet hatte und nun zugunsten des Naturschutzes verzichten muss. „Das hat mich anfänglich schon gewurmt. Die eigentümliche Landschaft mit den langen Schilfstreifen, den endlosen Gräben und weiten Grünflächen war mir schon ans Herz gewachsen. Aber jetzt freue ich mich auf die jährliche Fuchsjagd und die Erfolge beim Schutz der Vogelwelt, die letztlich auch Hasen und Fasanen zugutekommen“, erfahre ich von ihm.

Die Schwäne auf der Wasserfläche fühlten sich durch die nahenden Jäger und Hunde arg gestört und suchten das Weite.
Zwei Schäden fliegen über eine Wasserfläche – © Thomas Bock

Die Landschaft geprägt durch Grünland und Gräben

Während Mattens Gruppe mit Treibern, Hundeführern und Durchgehschützen einen langen Fußmarsch bis zum Startpunkt des ersten Treibens hat, sind wir schon nach kurzer Autofahrt im Einsatzgebiet. Mit Handzeichen und freundlichen, aber bestimmten Zurufen werden meine Frau und ich entlang eines Zauns in Position dirigiert. Angesichts der endlosen norddeutschen Tiefebene hinter und einem breiten, gut gefülltem Entwässerungsgraben vor uns bin ich mir sehr sicher, dass wir hier keinen Fuchs zu Gesicht be

kommen werden, und ich beginne, über den Begriff der Risikominimierung zu sinnieren. Liegt vielleicht auch an unserer ungewöhnlichen Bewaffnung mit Selbstladeflinte und Bockbüchsflinte, wo doch die klassische Doppelflinte hier selbstverständlich ist, denke ich noch. Da geht auch schon unter den Augen des Jagdleiters, der die nahe Deichkrone als „Feldherrnhügel“ erklommen hat, die Jagd los.

Schweres Gelände. Das Schilf steht fast 4 m hoch, und das Wasser reicht dank „Sabine“ vielen bis zur Hüfte. Ein Terrain, das auch Reinke Voss meidet, und trotz großer Mühen und Anstrengungen der Durchgehschützen und Hunde endet das erste Treiben ohne jagdlichen Erfolg.

Klaus und Klaus beim Ablaufen vom zweiten Treiben. „Dammich is all Klock ölben, ward Tied för Mittach.“ – © Thomas Bock

Gourmetmahlzeit zur Pause

Dafür gibt es in einem Pumpenhäuschen auf dem Deich heiße Brühe, Butterbrötchen und Kaffee. Eine wahre Gourmetmahlzeit! Ich möchte wieder einmal nirgendwo anders sein als hier zwischen Jägern, Hunden, Gummistiefeln und Flinten. Wir würden wohl noch heute an der Pumpenstation stehen, wenn nicht ein energischer Jäger mit sonorer Stimme zum Austrinken und Abmarsch gemahnt hätte. Das zweite Treiben führt uns zu den so genannten Eggers-Pütten. Ein zusammenhängendes System von Wasser- und Schilfflächen, das durch Baggerarbeiten zur Erhöhung des Seedeichs entstanden ist. Hier stellen sich neben Wasservögeln gerne Marderhunde, Waschbären, Füchse und auch die Sauen ein, besonders, wenn wie vor Kurzem das nahe gelegene Deichvorland durch Sturmfluten mehrmals überspült wurde.

Wir laufen diesmal die rechte Flanke ab und stellen uns an die Schilfkante. Die Jäger rechts vorn stehen auf einem schmalen trockenen Grat, dahinter steht noch kniehoch das Wasser auf dem Acker. Nach Minuten des gespannten Wartens fallen Schüsse im Schilf. Helles Hundegeläut und harsche Kommandos lassen mich aufhorchen. Kurz darauf knackt es im Röhricht und ein kapitaler Hase sucht sein Heil in der Flucht. Ein agiler Weimaraner ist unbeirrbar auf seiner Fährte und entschwindet nach kurzer Zeit aus meinem Sichtfeld. Fast könnte man meinen, dass beide ihren Spaß an dem Wettrennen außerhalb der Jagdzeit haben.

Dann ist auch das zweite Treiben vorbei und auf der Strecke liegen nun ein Fuchs und ein Baummarder. Während die ersten Teilnehmer schon zur Uhr schauen und unverhohlen über die stärkende Wirkung von Erbsensuppe, Bier und Köm diskutieren, geht es zum nächsten Einsatzort, eine weitläufige Schilffläche hinter der örtlichen Deichschäferei.

„Hier geht eigentlich immer was“, sagt mir mein Ansteller und postiert mich als Rückraumschützen auf der Deichkrone. Von hier kann ich alles genau überblicken. Vor mir geht die Schützenkette in ihre Ausgangsposition am Schilfrand, hinter mir ziehen mit der ablaufenden Tide große Containerschiffe vorbei. Norddeutschland pur, denke ich, werde aber durch die lauten Rufe „Fuchs, Fuchs“ alarmiert.

Ein Fuchs ist auf der Flucht

Sofort Fotoapparat runter, Knarre hoch. Ein unvorsichtiger Rotrock hat sich blicken lassen, konnte aber den anrückenden Jägern und Hunden ausweichen und in einem Graben abtauchen. Allerdings nur fürs Erste. Schnell formieren sich Schützen und Treiber neu und schon nach kurzer Suche haben die Hunde Reinke aufgestöbert. Schüsse fallen und ich sehe Jäger beiderseits des Grabens im Eiltempo entlanghasten. Die Hunde jagen jetzt im Kollektiv und nachkurzer Hatz und einem weiteren trockenem „Paff“ heißt es „Fuchs liegt“. Alle sind zufrieden, der stolze Erleger trägt seine vom Bad im Graben pudelnasse Beute allen voran zurück zum Parkplatz.

Jäger haben einen Fuchs bei einer Jagd erlegt – © Thomas Bock

Schüsseltreiben in der Scheune

Dort kommt mir Jagdherr Uwe Andreas bereits mit breitem Grinsen entgegen. „Durchaus befriedigend, mehr Füchse auf der heutigen Strecke wären nicht gut für Mattens Fallensteller-Ego und unseren Naturschutzauftrag, weniger nicht gut für die heutige Jagdgesellschaft.“

Die findet sich nach einem kurzem, beutelosen letzten Treiben, zum Streckelegen auf dem Hof von Dirk von Thun ein. Der ortsansässige Jäger und Leiter des Hegerings Nord hat seine Scheune mit Strohballen und Stehtischen zünftig zum Schüsseltreiben hergerichtet. Nun gibt es auch die lang ersehnte Erbsensuppe und wie versprochen Bier und Köm.

Matten ist auch froh, endlich „rut ut de ole Gummibüx“ zu kommen, und kommt mit Handy am Ohr zum Streckenplatz. Auf die Frage, ob ihm der Jagdtag denn auch gefallen habe, nimmt er sich einen Köm vom Tablett und sagt breit grinsend: „Klor, wör ja ok so as jümmers.“ Thomas Bock