Wildbiene im Anflug
Bunte Artenvielfalt

Mehr Bienchen und Blümchen

Text von Redaktion Niedersächsischer Jäger

Blühstreifen, Blühfläche, Ablenkungsäsung, Wildäcker. Gibt es die eierlegende Wollmilchsau und effektive Artenschutzmaßnahme?

Schon seit Jahrzehnten legen Jägerinnen und Jäger Wildäcker an, häufig mit dem Fokus auf die Niederwildhege und den Rebhuhn-Schutz. Schon lange bevor der gesellschaftliche und politische Ruf nach mehr „Biodiversität“ in der Agrarlandschaft ertönte, wurden in niedersächsischen Jagdrevieren in Eigenleistung und ohne Förderung hektarweise Blühflächen angelegt. Die Gesamtfläche solcher Maßnahmen und ihre vollkommen unterschätzten Beiträge zum Erhalt der Artenvielfalt sucht damit in der „Landschaft der Naturschutzverbände“ sicher ihresgleichen. Leider wurde es in der Vergangenheit versäumt, diese Leistungen der „grünen Zunft“ für Naturhaushalt, Vogelwelt und Insektenvielfalt in gebührender Weise zu propagieren und in die ideologische Diskussion um die Daseinsberechtigung der Jagd in die Waagschale zu werfen.

Bienen sind fleißige landwirtschaftliche Nutztiere.
Foto: Marcus Polaschegg
Bienen sind fleißige landwirtschaftliche Nutztiere.
Foto: Marcus Polascheagg – © Marcus Polaschegg

Blühmischungen für das Wild

Unabhängig von einer unstrittigen positiven Gesamtwirkung können mit Blühflächen und -streifen aber natürlich sehr unterschiedliche Zielsetzungen verfolgt werden. Das Sortiment der mittlerweile im Handel erhältlichen Mischungen und die damit verbundenen Anpreisungen als universelle „eierlegende Wollmilchsau, Insektenretter und Wildmagnet“ lässt allerdings vielfach die Fachlichkeit zu weit in den Hintergrund treten. Es entsteht fast schon der Eindruck, die Blühmischungen müssten dem Jäger und nicht den tatsächlichen Profiteuren schmecken. Doch ist klar, dass die Anlage einer optimalen Blühfläche weit mehr ist, als nur die richtige Mischung zu kaufen und irgendwie in den Boden zu kriegen. Die Erfahrungen aus der Anlage vieler Tausend Hektar Blühfläche als geförderte Agrarumweltmaßnahme in Niedersachsen in den letzten Jahren haben eines sehr deutlich werden lassen: Der wirksame Anbau von Artenvielfalt erfordert mindestens genauso viel Fachwissen wie die ertragsoptimierte Führung einer klassischen landwirtschaftlichen Kultur. Die Zielrichtungen und Voraussetzungen für die Anlage von Blühflächen können so weit auseinanderliegen, dass es bei der Planung und Umsetzung kein Schema F und keine Standardempfehlung geben kann. Doch worauf ist zu achten und was gilt es zu bedenken, damit es am Ende in der Fläche so richtig brummt?

Regeln im Blütendschungel

Zu allererst muss die Frage beantwortet werden, welches oder besser welche Hauptziele mit der Anlage einer Blühfläche verfolgt werden sollen. Das hängt zunächst sehr stark von der Revierstruktur und dem vorhandenen Wildbestand ab. Schließlich lassen sich in reinen Waldrevieren nur schwerlich Feldlerchen und Rebhühner fördern. Auf Waldinnen- und Waldrandflächen in Hochwildrevieren wird man sich vermutlich am ehesten für eine schmackhafte Mischung aus Grob- und Fein-Leguminosen entscheiden, die das Wild bindet, Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen minimiert und die Chancen für die selektive Bejagung an den Flächen erhöht. Gerade in Hochwildrevieren wird wegen des Fokus auf Äsung häufig der Blick für die Insektenwelt vernachlässigt. Dabei kann man das eine tun, ohne das andere zu lassen.

Es hält sich leider noch immer hartnäckig die Meinung, dass man mit der Förderung der Honigbiene auch gleichzeitig die Insektenvielfalt fördert. Leider trifft das tatsächlich nur für die wenigsten Insektenarten zu. Von denen ernähren sich nämlich nur die wenigsten genauso wie die „Imme“, das landwirtschaftliche Nutztier.

Je besser die Anbaufläche mechanisch vorbereitet ist, desto besser läuft später die ausgesäte Wildackermischung auf.
Foto: Marcus Polaschegg
Ein Wildacker wird eingesät

Vielfältiges Trachtband statt Massentracht

Wunsch und Empfehlung des örtlichen Imkers bei der Auswahl der Mischung sind verständlicherweise darauf ausgerichtet, den domestizierten Honiglieferanten im Sommerloch nach der Rapsblüte eine sogenannte „Massentracht“ mit Pflanzen anzubieten, die bestenfalls auf einer Fläche in kurzer Entfernung zur Brut gute Honigerträge erbringen. Doch die Vorlieben der meisten der 360 in Niedersachsen vorkommenden Wildbienen sowie die vieler anderer Bestäuber, wie insbesondere in der sehr artenreichen Gruppe der Fliegen, stimmen überhaupt nicht mit denen der Honigbiene überein. Es scheitert allein schon am sehr unterschiedlichen Aufbau der Mundwerkzeuge, die immer nur zu bestimmten Blütenformen und -kelchen passen. So sind die Nektarquellen der meisten „bienenfreundlichen“ Pflanzen für die kurzen Rüssel der gegenüber der Honigbiene vielfach deutlich kleineren Wildbienen unerreichbar. Hinzu kommt, dass für den effektiven Schutz und die Förderung der Insektenvielfalt nicht ein massenhaftes Vorkommen gleichartiger Trachtpflanzen im Sommer, sondern ein möglichst gestrecktes Trachtband bestehend aus einer Vielzahl verschiedener Blütenpflanzen vom Frühjahr bis in den Spätherbst anzustreben ist. Dennoch lassen sich über die Auswahl der entsprechenden Pflanzenzusammensetzungen natürlich die Wünsche vieler Insektenarten gleichermaßen erfüllen – die Mischung macht‘s eben. Ausgehend von der Tatsache, dass von jeder Pflanze 5–10 Insektenarten direkt oder indirekt abhängig sind, ist klar, dass die Insektenausbeute einschließlich der sich daran anknüpfenden Nahrungsketten umso größer ist, je vielfältiger die Mischung ausgestaltet ist. 

Blühpflanzen durch die Insektenbrille betrachten 

Gründen maßgeblich für das Gelingen und den Effekt einer Blühflächenanlage. Auch wenn ausgeschattete Flächen entlang von Waldrändern aufgrund ihres geringen landwirtschaftlichen Produktionswertes leicht zu bekommen sind, wirklich sinnvoll ist eine Anlage mit dem Zweck der Förderung der Insektenvielfalt auf solchen Flächen nicht. Bis auf wenige Insektenarten (Nachtfalter) benötigt die große Masse der Insekten die Wärme des Sonnenlichtes. 

Die Erzeugung“ von Artenvielfalt erfordert bei der „Bereitung des Ackers genau so viel Sorgfalt wie bei anderen Kulturen. Das gilt insbesondere für die Schaffung optimaler Keimbedingungen für die jeweilige Mischung. Auch wenn die chemische „Säuberung“ eines Standortes vor unliebsamer „Ackerbegleitvegetation“ entfällt. Es muss jedoch klar gesagt werden, dass eine ungünstige Vorverunkrautung z.B. mit Breitblättrigem Ampfer, Klettenlabkraut oder Ackerkratzdisteln das Gelingen einer Aussaat und die Freude am farbenfrohen Ergebnis je nach Standort erheblich in Mitleidenschaft ziehen kann. Allerdings muss auf Flächen, die dem Wild und der Artenvielfalt dienen sollen, der Grundsatz gelten: Weniger ist mehr! Ob also wirklich eine chemische Vorbehandlung erforderlich ist, muss gut überlegt sein.

Eine saubere Pflugfurche schafft in aller Regel ein so sauberes Saatbett, dass sich der Einsatz von Herbiziden erübrigt. Und was gerne vergessen wird, ist, dass in der Ackerkrume häufig noch wahre Kulturschätze schlummern: Acker-Wildkräuter wie das Filzkraut, Zahntrost oder Sandmohn, die in Niedersachsen sehr selten geworden sind und eine jede Blühmischung um noch mehr Blüten bereichern.

Weniger Dünge

Zum Thema Düngung: Hier gilt aus fachlichen Gründen der Grundsatz: Wenig hilft viel. Denn aus naturschutzfachlicher wie jagdlicher Sicht dienen hoch gedüngte Bestände allenfalls der Erzeugung von Biomasse, aber nicht von Artenvielfalt. Zumeist wird durch Düngung nur das Wachstum ungeliebter Pflanzen befördert. Dabei sind es gerade die lichten Bestände mit offenen Bodenstellen und bodennahem Blütenangebot, die Insekten und Bodenbrütern die besten Rahmenbedingungen liefern. Es ist mitunter erstaunlich zu beobachten, wie schnell nährstoffliebende „Problempflanzen“ in ihrem Wachstum gehemmt werden, wenn man sie „aushungert“, und wie schnell sich konkurrenzschwache Wildkräuter wiedereinstellen, die vorher nicht zu sehen waren, aber die Lebensgrundlage typischer Insektenarten des Ackers darstellen. Auf Standorten, die sich vor der Blühflächenanlage in normaler Bewirtschaftung befanden, sind meist die Nährstoffnachlieferungen zum Zeitpunkt der Aussaat so hoch, dass genug „Starthilfe“ vorhanden ist. Die Förderlandschaft in Niedersachsen für die Anlage von Blühflächen ist insgesamt als sehr üppig zu bezeichnen. Allerdings zielen die meisten Programme, die auf die Erstattung von Kosten und Ertragsausfällen ausgelegt sind, auf eine Umsetzung in der Landwirtschaft ab. Förderprogramme konkret für Jäger/innen und Reviere werden zwar in jüngster Vergangenheit immer häufiger aufgelegt, doch erreichen diese natürlich weder dieselben Flächendimensionen wie die Agrar-Umweltmaßnahmen für Landwirte noch annähernd die pro Fläche gezahlten Fördersummen. Doch in landwirtschaftlichen Kreisen regt sich bereits seit Jahrzehnten auch Unmut über praxisferne Vorgaben bei der Anlage und Pflege von Blühflächen. Insbesondere viel zu frühe Aussaatzeitpunkte (31.3. / 15.4.) stehen wegen der Spätfrostgefahr in der Kritik, da mit einem zu geringen Blühpflanzenbestand durch Frost und Trockenheit Kürzungen der Prämien verbunden sind. So werden viele Blühflächen als freiwillige Maßnahmen umgesetzt, da sie weniger bürokratischen Aufwand mit sich bringen. Die derzeit einfachste Möglichkeit der Anlage von Blühstreifen ist im Rahmen sogenannter Biodiversitätsstreifen/ Bejagungsschneisen, da es hier keine bzw. kaum Vorgaben zu Zeitpunkt, Lage, Art der Begrünung und Nutzung gibt. Die Maßnahmenfläche darf nur nicht mehr als 20 % der Ackerfläche betragen, auf der sie umgesetzt wird. Damit ist dies derzeit die attraktivste Möglichkeit, die bereits vielerorts in Kooperation zwischen Revieren und Bewirtschafter/innen und zwar unabhängig von Vorkommen von Schwarzwild umgesetzt wird. Die Landwirtschaftskammer berät Jäger zum Thema Biodiversität, die Maßnahme muss aber später der Landwirt beantragen.

Mehr Infos unter: www.lwk-niedersachsen.de

Geschrieben von Markus Polaschegg