Wildkunde

Tierische Mischwesen

Text von Redaktion Niedersächsischer Jäger

In Sagen und Mythen vielfach aufgegriffen, üben Mischlingswesen seit jeher eine große Faszination auf uns aus. In diesem Artikel beleuchten wir dieses Thema mit seinen Auswirkungen einmal genauer bei unseren heimischen Wildtieren.

Schon in der Schule lernte man früher den Satz: Was sich paart, ist eine Art. Auch wenn diese Definition einige Schwächen aufweist und sicher nicht allen wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird, beschreibt sie den Artbegriff doch zutreffend. Denn neben der Tatsache, dass sich Arten auf der Grundlage erblicher Merkmale gegeneinander abgrenzen, bilden sie auch gemeinsame Fortpflanzungsgemeinschaften. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass ihre Nachkommen selbst wiederum ebenfalls fortpflanzungsfähig sind und so für den Fortbestand der Spezies sorgen. Denn genau dies ist bei den Nachkommen aus Kreuzungen zwischen verschiedenen Arten oft nicht der Fall. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet ein aus jagdlicher Sicht sehr prominentes Beispiel. Denn die Kreuzung aus Rot- und Sikawild erzeugt tatsächlich fortpflanzungsfähige Nachkommen.

Rotwild und Sikawild

Red deer (Cervus elaphus) walking in high grass and in rut.

Evolutionsgeschichtlich haben sich diese beiden Arten bereits vor etwa sieben Millionen Jahren voneinander getrennt. Stark vereinfacht könnte man sagen, dass sich ihre Wege geographisch teilten. Während sich der Sikahirsch eher Richtung Asien ausrichtete, orientierten sich unsere Rothirsche Richtung Westen. Die entstehende räumliche Trennung sorgte dann dafür, dass es natürlicherweise keine Kreuzungsmöglichkeiten mehr gab. Erst mit der Einführung von Sikawild in verschiedenen Teilen Europas konnte es wieder dazu kommen. Eine derartig lange Trennung führt üblicherweise jedoch dazu, dass Verhaltensabläufe, zum Beispiel während der Brunft, so unterschiedlich sind, dass es zu keiner Verpaarung mehr kommt, auch wenn man die Arten wieder zusammenführt.

Was Biologen in umfassenden Untersuchungen diesbezüglich jedoch herausfanden, war, dass die Alttiere des Sikawildes sehr wohl auf die Brunftschreie der Rothirsche reagierten und dies obwohl die Hirsche der eigenen Art einen komplett unterschiedlichen Ruf aufweisen (Wyman et al. 2014). Denn während Rothirsche bekanntlich tief und mit niedriger Frequenz rufen, hört sich der Ruf des Sikawildes eher hoch und schrill an. Umgekehrt reagierten die Alttiere des Rotwildes in den Versuchen gar nicht auf die Rufe der Sikahirsche. Die biologische Interpretation wird darin gesehen, dass der tiefe Ruf des Rothirsches evolutiv älter ist und bereits bei der gemeinsamen Urform existierte. Da sich der schrille Ruf des Sikahirsches vermutlich erst später entwickelte, gibt es beim Kahlwild des Rotwildes dagegen dahingehend kein evolutionäres Gedächtnis.

Europäisches und Sibirisches Rehwild

Versuche, die deutlich stärkeren Sibirischen Rehe mit heimischem Rehwild zu verpaaren, schlugen jeweils fehl.

Früher unternahm man auch aktiv diverse Anstrengungen, um Rotwild verschiedener Linien miteinander zu kreuzen. Das Ganze wurde unter aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbaren Gesichtspunkten der „Aufwertung“ gesehen. Das Ergebnis dieser Versuche ist schnell zusammengefasst, denn „Erfolg“ brachte es langfristig keinen. Auch beim Rehwild unternahm man diesbezüglich verschiedene Versuche, die mit dem gleichen Ergebnis endeten. In den so genannten Bastardisierungsversuchen zwischen Sibirischen und Europäischen Rehen zeigte sich Folgendes: Kreuzte man einen Sibirischen Bock mit einer Europäischen Ricke waren die Kitze so groß, dass sie auf natürlichem Wege nicht zur Welt kommen konnten. Drehte man die Elternverhältnisse um, waren die entstehenden Bockkitze steril. Inwieweit in der freien Wildbahn in der Vergangenheit versucht worden ist, Sibirisches Rehwild einzukreuzen, wird seit vielen Jahren diskutiert. Laut einer neueren polnischen Untersuchung lässt sich „sibirisches Blut“ bis heute tatsächlich genetisch nachweisen. Dieses lässt sich jedoch anhand der Untersuchungsergebnisse auf eine weit zurückliegende natürliche Hybridisierung zurückführen (Swislocka et al. 2019).

Den gesamten Artikel lesen Sie im Digitalmagazin des Niedersächsischen Jägers in der Ausgabe 16/2022.

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