Tagesabläufe kennen

Rehwild: Immer im Rhythmus

Text von Redaktion Niedersächsischer Jäger

Es gibt Jäger, die machen sogar auf einem Misthaufen Strecke. Vielleicht liegt es ja daran, dass sich derjenige in die Rehe hineinversetzen kann…

Wer Rehe erfolgreich bejagen will, muss mit ihren Gewohnheiten vertraut sein. Da sich vieles im Leben dieser Wildart im Verborgenen abspielt, bleiben für den Jäger oft Fragen offen. Nicht selten werden dann nicht zutreffende Annahmen und Vorstellungen entwickelt, die teilweise auch zu falschen Entscheidungen bei der Bejagungsstrategie führen. Um Tagesabläufe und jahreszeitliche Rhythmen dieser Art analysieren zu können, werden von der Wildbiologie seit einiger Zeit moderne multifunktionale Sender eingesetzt. Diese liefern nicht nur punktgenaue Positionsdaten, sie registrieren anhand von Beschleunigungssensoren sogar, was das Stück gerade macht. Auf diese Weise werden detaillierte Information über das Leben des kleinen Wiederkäuers sichtbar.

Waldrehen genügt im Vergleich zu Feldrehen in der Regel ein deutlich kleineres Streifgebiet.
Foto: Claas Nowak

Rhythmus im Jahresgang

Als grundsätzlicher Taktgeber für die jahreszeitlich angepasste Tagesrhythmik fungiert der Sonnenstand. Über Sensoren im Licht wird die Sonnenscheindauer gemessen und daraufhin das Verhalten und physiologische Einstellungen des Körpers angepasst. Den individuellen Tagesrhythmus eines Rehs bestimmt neben der Feindvermeidung in erster Linie die  Äsungsaufnahme. Die Zusammensetzung der Äsung wiederum hat einen direkten Einfluss auf den Ablauf eines Tages. Handelt es sich beispielsweise um faserarme und energiereiche Äsung, reduziert sich die Zeit des Wiederkäuens mit entsprechenden Veränderungen im Rhythmus der Rehe. Da auch die Nahrungszusammensetzung und der Energieanspruch jahreszeitlichen Schwankungen unterliegen, führt dies dazu, dass die Zahl der Aktivitätsphasen im Sommer generell größer ist. Bereits Moen (1978) stellte fest, dass das leicht verdauliche Äsungsangebot dieser Jahreszeit zu einer reduzierten Ruhezeit und vermehrten Aktivitätsschüben führt. Unter anderem Wolf (2013) bestätigte diesen Zusammenhang telemetrisch. Nach den Ergebnissen seiner Studie aus der norddeutschen Tiefebene haben Rehe im Sommer etwa zwölf Aktivitätsphasen innerhalb von 24 Stunden, die jeweils etwa eine Stunde dauern. Im Winter reduziert sich die Zahl der Aktivitätsphasen auf sieben bis acht, wobei sie mit 79 Minuten jeweils deutlich länger dauern.

Diese Aktivitätsphasen verteilen sich aber nicht gleichmäßig über den Tag. Rehe sind über das gesamte Jahr hinweg besonders zur Dämmerungszeit aktiv. Daneben finden sich aber auch Aktivitätsschübe am Tag und in der Nacht. Interessant ist der unmittelbare Tag-Nacht-Vergleich im Jahresverlauf. Dabei zeigt sich, dass Rehe im Winter eher am Tag aktiv sind. Im Frühjahr, Sommer und Herbst kehren sich die Verhältnisse um. Jetzt sind sie während der Nacht aktiver als in den Tagesstunden. 

Im Gegensatz zu Rehböcken wählen Ricken gezielt bessere Einstände aus. Den Grund dafür sehen Sie im Bild unterhalb der Ricke.
Foto: Ingo Bartussek – adobe.stock.com
Eine Ricke mit ihrem Kitz in der Wiese

Streifgebietsgrößen und deren Verlagerung

Wie Lebensräume genutzt werden, hängt in hohem Maße von ihnen selbst und ihrem Inventar ab. Generell zeigt sich dabei, dass Strukturreichtum eines Lebensraums zu kleineren Streifgebieten führt. Neben der Äsung ist das Vorhandensein von Deckung dabei ein Faktor, der die Größe des Reviers wesentlich mitbestimmt. So fanden Lovari et al. (2017) heraus, dass Reviere umso kleiner werden, je zusammenhängender Wald vorhanden ist. Sehr deutlich wird dies im direkten Vergleich zwischen Feld- und Waldrehen aus einem Untersuchungsgebiet. Während die im Wald und Wald-Feld-Übergangsbereich lebenden Rehe kleine Streifgebiete (zwischen 17 bis 32 Hektar) besaßen, verfügten die Rehe des Offenlandes um ein Vielfaches größere Reviere (bis zu 204 Hektar). Cargnelutti et al. (2002) konnten dies sehr eindrücklich anhand eines Bocks feststellen, der zunächst als Feldreh lebte und seinen Einstand im Verlauf der Untersuchung in den Wald verlagerte. Bei diesem „Ortswechsel“ verringerte er sein Streifgebiet um das Sechsfache! Dieses kleine Beispiel unterstreicht die Anpassungsfähigkeit dieser Spezies sowie die Fähigkeit, sich gegebenenfalls schnell mit neuen Bedingungen zurechtfinden zu können.

Um ihren Lebensraum effektiv zu nutzen, kommt es bei vielen Rehen aber auch zu saisonalen Verschiebungen. Bereits Ellenberg (1978) kommt auf der Grundlage seiner Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass die Streifgebiete im Jahresgang „pulsieren“. Rehe sind demnach je nach Bedarf und Vorhandensein von Äsungspflanzen, aber auch in Reaktion auf anhaltende Störungen in der Lage, ihre Streifgebiete zu verlagern. Wolf (2013) stellte im Frühjahr regelmäßig fest, dass Rehe, die über die Wintermonate im Waldinneren lebten, ihre Streifgebiete im Frühjahr Richtung Waldkante verschoben. In diesem Zusammenhang kommt es bei Ricken auch zu einer deutlichen Verkleinerung der Streifgebiete, die sie von 115 Hektar im Monat Februar auf durchschnittlich 17 Hektar im Sommermonat Juni reduzierten. 

Objekt der Begierde – während es zwischen den beiden Nebenbuhlern richtig zur Sache geht, schreckt „Mademoiselle“ ihren Unmut in die Welt hinaus.
Foto: Erich Marek
Ein Schmalreh steht schreckend auf einer Wiese

Die Wahl der Reviere weist dabei auch geschlechterspezifische Unterschiede auf: Während Böcke wenig wählerisch eine bestimmte Fläche beanspruchen, wählen Ricken gezielt bessere Standorte (Wahlström & Kjellander 1995). Eine Verhaltensweise, die vermutlich in Zusammenhang mit der Kitzaufzucht steht. Die günstigere Äsungsverfügbarkeit einzelner Revierteile spielt dabei sicher ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass die Ricke nun die Nähe der Kitze bevorzugt. Bei den Böcken lassen sich über das Jahr hinweg konstantere Reviergrößen feststellen. 

Trotz einander teilweise widersprechender Untersuchungsergebnisse zeigen Böcke eher eine Tendenz dazu, die Reviere im Sommer zu vergrößern. Diese Verhaltensweise wird in der Monopolisierung von Ricken gesehen. Ein größeres Revier erhöht entsprechend die Chance auf eine größere Zahl an paarungswilligen Ricken. Das Ausdehnen eines Reviers kann jedoch nicht bis ins Unendliche getrieben werden: Schließlich sind solche Flächen ab einer gewissen Größe nicht mehr ökonomisch zu verteidigen. 

Ein Faktor, der die Raumnutzung von Rehen stark beeinflusst, ist die Bestandsdichte. Kjellander et al. (2004) untersuchten, inwieweit sich die Dichte auf die Größe der Territorien der Böcke auswirkt. Nachdem die Sommer-Reviere der Böcke etwa 50 Hektar groß waren, vergrößerten sich diese nach der Reduktion der Dichte (von ca. 14 Rehen/100 ha auf die Hälfte) auf das Doppelte. Da auch bei den Ricken eine ähnliche Tendenz feststellbar war, vermuten die Forscher, dass den Territoriumsinhabern in beiden Phasen eine vergleichbar große Zahl an Ricken zur Verfügung stand. Ein ähnlicher Effekt wurde auch in einer Vergleichsstudie ermittelt. Dort verkleinerte sich die Streifgebietsgröße nach der Erhöhung der Wilddichte.

Geschrieben von Dr. Konstantin Börner